Wenn man in Wien ist, muss man so Wiensachen machen. Wenn man und mensch und eins in Wien ist, muss eins und mensch und man Wiensachen machen. Das hat mich selbst ordentlich irritiert, dieses Holpern im Satz, keine Sorge, das bist nicht du, das bin ich. Und nicht die Gesellschaft. Also so Dinge, die man nur in Wien machen kann, meine ich, also Dinge, die so typisch sind für Wien. So typisch, das verlangt ein wie und einen Vergleich. Der kommt später, der ist heut spät dran, der ist da an und für sich nicht zuständig und die Vertretung vom Kollegen ist im Urlaub.
Man muss eigentlich an einem kühlen Oktoberabend mit einem kleinen Bier (in der Flasche) im olivenbebaumten Garten von der Filmbar unter Schirmen sitzen wie an einem verregneten Pariser Apriltag in Marais mit dem Rücken zur Wand und irgendwelche dekadent teuren Weintrauben mit Walnüssen essen. Und Leute schauen und Touris.
Kaum jemand weiß, dass das Schokoladengeschäft um die Ecke früher ein Knopfgeschäft war und noch dazu einer der allerältesten Läden der Stadt, eine Spezialwarenhandlung. So ahnungslos; wie ich an fast jedem Ort.
Man muss eigentlich danach zum First Floor flanieren, aber nicht dandyhaft und nicht flaneuristisch, und am besten jeden Tag im Jahr in Wirklichkeit. Durch die Doppeltüren wie durch eine Schleuse, wie in ein Schiff oder in eine andere, besser abgestimmte Realität gehen (keine bessere Welt). Die hölzernen Deckenpanele bewundern und die wunderschönste Blumenstofftapete hinter dem Klavier, angeblich aus 1920 (früher war nicht alles besser). Dort im katholischen Sinne schuldvoll sündteure Cocktails trinken mit ausschließlich runden Preisen, in einer Fensternische sitzend. Und sich ärgern darüber, dass die Leute so wie sie gekleidet sind, nie exakt ans Interieur angepasst sind. Das muss eigentlich verpflichtend sein, Türpolitik, Menschen müssen ans Interieur angepasst sein.
Und man muss im Grunde vergessen, wenn man mit Bankomat zahlt, aufzurunden und hat auch kein Bargeld dabei, um es auf der quadratischen, weißen Serviette (parallel dazu gebracht wurden Erdnüsse und geröstete Maiskörner) zurückzulassen. Und man muss sich dann dafür schämen. Aber andererseits hat man sich nicht darüber beschwert, dass der Sprudel nicht so sprudelt wie er sollte in einem derartigen und derartig respektablen Etablissement.
Es ist unabdingbar anschließend oder im Voraus die Bonbonniere zu besuchen und die Besitzerin, die einmal vor vielen Jahren im Urlaub in Monaco zum Karneval als Vogelstrauß verkleidet war und viele ihrer Federn am Rücksitz des Autos (ein Cabrio) ihrer Begleitung gelassen hat (dieses Bild der Besitzerin in diesem Kostüm nie wieder aus dem Kopf zu bekommen). Und es ist eigentlich notwendig von dem netten, älteren Herren, der neben dir an der Bar saß und dir erzählt hat wie es hier vor 60 Jahren zugegangen ist, sich auf die Spritzer einladen zu lassen, die man in seiner Gegenwart genossen hat.
Man muss sich eigentlich am Sonntag um Mitternacht Brote mit Aufstrich vom Zum Schwarzen Kameel holen und Prosecco dazu schnell am Tresen downen und ein paar von den Brötchen gratis bekommen, weil die sonst schlecht würden bis zum nächsten Tag, im Prinzip. Oder (noch schlimmer, denke ich) die Polizei bekommt sie, weil sonst wäre ja keiner so spät mehr unterwegs, sagt die Bedienung. Man muss dem Kellner, der ein anderer ist, der dich auf Englisch anspricht, eigentlich auf Wienerisch antworten. Und man muss eigentlich, bekommt man den gebrandeten Karton (also brand so wie vermarktet) mit auf den Weg, der ur fancy aussieht und mit dem ich bildlich gesprochen purse first jeden Raum betreten möchte, der vor allem sagt: old money in billiger Produktion, naja, eigentlich genauso an der Theke Trinkgeld geben wie am Tisch. Und man muss selbstverständlich die Handlotion aus dem durchdesignten (so wie gestaltet, aber auf englisch und vielleicht mit Hintergedanken) Vorraum von den Klos fladern, die dort beim Waschbecken steht. Weil so weich waren meine Hände noch nie nachdem ich älter als 5 Tage war. Und besser als Orangen duften sie.
Man muss, wenn es richtig kalt wird in der Stadt und der Wind allen durch die Köpfe und um die Ecken zieht, verkatert ins Kaiserbründl gehen und sich entweder als unter 25 ausgeben oder als Student; oder als Pärchen vielleicht, alleine. Ich bin meine +1. Und man muss bei jedem Knopf des Mantels, den man öffnet, das Gefühl haben, dass man gerade eine kugelsichere Weste ablegt, graduell. Man muss wissen, was man will und man muss ehrlich dabei sein und das auch zeigen. Weil die anderen sind die Hölle und kennen keine Grenzen.
In Wien muss man sich eigentlich freuen, wenn einem nur der Hund auf die Füße steigt (nicht das Herrchen) und einem die Menschen nicht zu nahe treten. Die Begegnungszonen und deren Konzept sind mir immer noch ein Rätsel. Absolut niemand will sich in dieser Stadt begegnen und schon gar nicht auf Augenhöhe oder im echten Leben. Der öffentliche Raum ist ein Raum, den man so bald wie möglich wieder verlässt. Hinter verschlossenen Türen fühlt man sich am wohlsten. Und wer nicht leise raucht und in Folge vielleicht noch laut hustet, der muss sofort angezeigt, verklagt werden. In dieser Stadt muss man sich eigentlich wirklich glücklich schätzen, wenn man nicht mit Menschen im Haus wohnt, die andauernd anlasslose Beschwerdebriefe ans schwarze Brett heften oder an dich persönlich adressieren oder direkt an den Ort des Missfallens kleben.
Einmal hat jemand zu mir gesagt, dass sich in dieser Sache seit 1938 nicht viel geändert hätte: Dieses Land und insbesondere diese Stadt war schon damals eine Stadt der Denunzianten (sic) und ist es immer noch. Am besten, Sie stellen sich vor, alle ihre Nachbarn wollen Ihnen etwas Böses. So kommen Sie am ehesten durch. Und, wenn Sie etwas machen, das verboten ist, lassen Sie sich nicht dabei erwischen. Weisere Worte wurden selten gesprochen.
Man muss das Nachtasyl lieben und hassen. Und seit dem Zwischenfall dort, es eigentlich boykottieren. Aber vielleicht hat es sich jetzt auch geändert und die Plakate vom Awareness Team bedeuten doch etwas. Ich begebe mich allzu gerne auf eine Zeitreise nach 1989.
Und in Wien muss man froh sein darüber, wenn einen der alte Mann im Hofer an der Kassa nicht anknurrt. Das ist mir letzte Woche passiert. Und man muss sich freuen, wenn man nicht im Hofer einkaufen ist mit Menschen, die sich dafür schämen im Hofer einkaufen zu gehen. Man muss eigentlich jede Party auf der mehr Frauen sind als Männer gut finden, weil die Stimmung viel angenehmer ist. Aber das hat weniger mit Wien zu tun. Ich verliere den Faden so wie meine Nähmaschine, wenn man die Nadel verkehrt einspannt.
Auf jeden Fall ist der beste Weg, wenn man an Wien gebunden ist wie die Seiten eines Buches an dessen Rücken geklebt sind - der beste Weg Wien zu genießen und dort eine gute Zeit zu haben - ist der, ab Mai in den Innenhof vom Weidinger zu gehen und dort Käsetoast und Wermut zu melangen (so wie mischen, aber auf Französisch).
Und ein noch besserer Weg ist es, in Lokale zu gehen von denen man sicher sein kann, dass die Besitzer_innen nicht rechtsradikaler Gesinnung sind. Man muss eigentlich im Gasthaus Quell (siehe Lokale deren Besitzer_innen nicht rechtsradikaler Gesinnung sind) faschierte Laibchen mit Kartoffelpurée (das ist wie Püree, aber nicht deutsch) und Röstzwiebel essen. Auch, wenn man sich jahrelang schon nur noch vegetarisch ernährt, kann man nicht anders als diese Speise (zumindest) zu empfehlen. Und man muss eigentlich allen erklären, warum der Herr Brödl eine goldene Plakette an seinem Stammplatz bekommen hat. Und man kann nicht anders als das Ölbild von dem Buben, der im Gras liegend die Rückseite seiner Hand auf seine Stirn legt, super zu finden.
Und man muss sich unheimlich ärgern, dass das Café Mentone jetzt eine Aida Filiale ist und alles verloren hat, was es früher hatte und ausgemacht hat. Und man muss sich immer über die Aida Filiale in der Neubaugasse freuen, weil sie eigentlich die schönste ist, in echt, ich schwöre.
Und man denkt immer noch mit Schrecken zurück daran wie es am Klo vom Adlerhof gerochen hat (manchmal bin ich lieber zu Hause aufs Klo gegangen als dort; wenn ich dort war, wohlweislich), kann sich kaum vorstellen, dass die Großküche noch bis kurz vor dem Zusperren zumindest teilweise in Betrieb war. Und man fragt sich zwangweise, was aus diesem Raum wird, wer die Wendeltreppe zum Keller als Nächstes benutzen wird und, ob der Rest auch noch herausgerissen wird so wie mein Herz mit 15.
Und man darf nicht so grenzenlos verbittert werden über die Jahre, oder so grau im Gefühl wie die Stadt in den 70er Jahren, wo sie eigentlich ganz rot war im Inneren. Und man darf nicht so überschwänglich passiv aggressiv werden und aktiv aggressiv, über alles haten. Man muss nicht immer alles können. Und man muss nicht immer alles richtig machen. Und vor allem muss man nicht immer alles müssen.
Ich will mich gerne in der Waage halten in dieser Stadt in der ich vieles auf die Schalen lege (von dieser), damit sie die Balance verliert. Gutes und Schlechtes und Gutes und Böses und Gutes und Abgelaufenes und viele Antonyme mehr. Ich will gerne die Stadt so viel lieben, dass ich den Pelzmantelwitwen und ihren bösen Blicke mit einem Lächeln begegnen kann. Und ich will die Stadt so sehr gern haben, dass ich am Telefon mit dem Magistrat auf die Antwort „Da bin ich nicht zuständig und der zuständige Kollege ist gerade nicht im Haus und seine Vertretung auf Urlaub.“ mit einem Lachen reagieren kann, weil es ja Menschen sind und ich weiß in welchem Sumpf sie sich tagtäglich bewegen und durch welchen Morast sie zwischenmenschlich waten müssen.
Und ich will so verknallt sein in die Stadt, dass ich sie im Dezember, wenn die Fassaden so konturlos werden und nur noch zweidimensionale Kulissen sind (die sich im Vorbeigehen hin und herschieben) dass ich die Stadt immer noch mag. Auch, wenn die Menschen, die im Tourist_innentempo ihre pickigen Punschhäferln an den regenbogenen Wollhaubenstandln vorbeitragen. Ich will am Spittelberg immer noch irgendetwas Schönes finden. Und sei es nur, dass die alten Häuser auf diesem Hügel noch stehen.