Monday, 25 February 2019

OK TSCHAU

OK, am Samstag lief gerade die beste Party. Alle hatten bunte Blumenmuster an, Teetassen auf den Köpfen und zu Whitney Houston getanzt. Ich geh kurz raus und beobachte wie mich von der anderen Straßenseite aus zwei Männer (zurück) beobachten. Irgendwie so von hinter der Telefonzelle aus. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, ich trage nämlich Teebeutel als Ohrringe und weiße Sonnenbrillen mit dicken, spitz zulaufenden Rändern. Es dauert nur wenige Augenblicke, dann sind sie wieder mehr mit sich selbst beschäftigt. Ich unterhalte mich weiter mit jemandem, will mich nicht stören lassen.
Dann sehe ich, dass sie sich in Bewegung setzen und auf einmal zielstrebig auf uns zu steuern. Einer trägt einen weißen Ordner, der irgendwie offiziell aussieht, der andere ein Schlüsselband mit Logo um den Hals. Sie wirken ein bisschen wie Beamte, die sich jetzt schon ziemlich auf die Pension freuen.
Sie gehen an mir vorbei und machen die Tür vom Lazy Life auf. Ich laufe ihnen alarmiert hinterher und deute den Djanes, dass sie die Musik bitte abdrehen sollen. Einer von ihnen sagt: „Na bumm, do is owa laut herinn!“ (War es gar nicht, darauf hab ich ur geachtet. Aber viele Menschen in fabulous outfits machen halt mal Lärm. Trotzdem war ich beunruhigt, um es mal so zu sagen.) Er schaut sich um, bemerkt mich und sagt „Sind Sie verantwortlich für dieses Lokal?“ (Was für eine Art zu fragen, überhaupt.) Und ich so: „Äh, ja“. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Dass sie jetzt eine Kontrolle machen und den Dreck unter meinen lackierten Fingernägeln konfiszieren wollen und dann im Labor analysieren lassen. Oder, dass sie eine Razzia machen und willkürlich alle verhaften, die Teetassen auf ihren hochgesteckten Haaren tragen.
Jemand in der Ecke flüstert „Is it the police?“ und jemand anderer antwortet „No, it’s worse!“
Ich bin nicht alleine mit meinen Befürchtungen.
Der Typ mit dem WKO Schlüsselband, das ich mittlerweile aus der Nähe als solches identifizieren konnte, sagt als Nächstes (zu meinen ungläubigen Ohren) einfach: „Wir sammeln Spenden für einen Kinderschutzverein und machen gerade eine Runde durch die Lokale.“ Und ich bin so WAS ZUR HÖLLE? Erleichtert biete ich ihnen an die Flyer aufzulegen, die sie mir entgegen halten. Um sie später selbstverständlich wegzuwerfen. Der Ordner sieht auf den zweiten Blick ziemlich zerfleddert aus und nicht so als würde er meinen Lebenslauf und sämtliche meiner Fehltritte enthalten. Der A4 Ausdruck vom Vereinsregisterauszug ist so laminiert, dass er sich schon auflöst und das Schlüsselband ist einfach ein zufällig gewähltes Accessoire. Irgendwo regt sich Mitleid in mir, nach dieser neuen Information. Ich schiebe sie mit den Worten „Ich leg die hier auf, ja? Wir haben eine kleine Veranstaltung. OK? Tschau!“ aus dem respektablen Etablissement, verkünde, dass alles gut ist und trinke ein Gin and Tonic für die Nerven. 
Heute morgen klingelt es an meiner Tür. Normalerweise mach ich eh nie auf, wenn ich nicht ziemlich genau weiß, wer das sein könnte. Oder bin sowieso nicht zu Hause.
Ich erwarte aber leider ein Buch in einem Paket, das zugestellt werden soll. Vom DUDEN online shop, nicht von amazon. Es heißt „Versunkene Wortschätze“ und versammelt Wörter, die es nicht mehr ins Wörterbuch schaffen, weil sie nicht mehr oder zu selten verwendet werden. Es hätte eigentlich vor einem Monat kommen sollen, ist aber verschwunden.
In diesem Fall ist es leider nicht das Buch, sondern ein Typ der irgendeinen Strom- und Gasanbieter vertritt. Er erzählt mir, dass ich ab jetzt nur noch 120 Euro im Jahr für alles zahlen muss. Aus dem Grund, weil sich ein technisches Detail, das mir genau gar nichts sagt, ändert. Das wäre doch sicher billiger als das, was ich bisher bezahle! Er redet mit mir so als wären wir buddies and als würde er gerne „bro“ ans Ende des Satzes stellen. Ich möge ihm jetzt nur noch meinen Ausweis geben und hier auf seinem iPad unterschreiben, meint er. Wenn ich das nicht mache, dann bleibt alles beim Alten und ich brenne weiter. Ich erzähle ihm, dass ich mir das noch überlegen würde und mich dann melde. Mit der Absicht mir das nicht zu überlegen und mich nie zu melden, sondern stattdessen bis in alle Ewigkeiten zu viel für Strom und Gas zu bezahlen. Weil Tarife vergleichen, das ist etwas für... die anderen. Danke, OK! TSCHAU!
Später läutet schon wieder wer an. Das Buch hab ich übrigens dazwischen im Postkasten gefunden, das hat mich gefreut. Trotz besseren Wissens betätige ich den Knopf für den automatischen Türöffner der Gegensprachanlage. Vor mir steht nach ein paar Sekunden eine Frau mit zu viel beigem Make Up, das fast die gleiche Farbe hat wie ihr Mantel (she does not know her skin tone). Hinter ihr hievt sich eine ältere Dame die Treppen hinauf.
Die beige Frau sagt: „Danke fürs Aufmachen! Frau whatever und ich führen gerade ein paar kurze Gespräche, weil wir bemerkt haben, dass viele Menschen gerne Gott näher kommen möchten!“ Sie bemerkt das Entsetzen in meinen Augen. Ich fische nach einer diplomatischen Ausrede und sage: „Ich bin grad beschäftigt, ich muss aufräumen.“
Die zweite Dame hat die restlichen Stufen geschafft und kommentiert entzückt: „Oho! Ein Hausmann!“
Die andere zieht währenddessen Flyer aus ihrer Handtasche und sagt: „Wir haben auch eine ganz tolle Homepage!“ Mit meinem Latein bin ich am Ende, Amen. OK, danke, wirklich nicht, TSCHAU! Und werfe so schnell wie möglich die Tür zu. 
MENSCHEN OIDA

Friday, 22 February 2019

Parken (als Verb)

Der Geruch nach Tiefgarage und der Geruch nach Fritteuse 
haben etwas gemeinsam 
im Spätherbst vorrangig
Und wie wir älter werden, fragen wir uns, wen du anrufen solltest, wenn man sich mitten in der Nacht trennt und auch die Therapeutin schon schläft
bevor wir uns trennen, also unserer Wege gehen, aber wir als befreundete, die keine romantische Zweierpaarliebesbeziehung haben
haben wir etwas 
einsam
Und wie sich die Ahorn- und die Lindenblätter zwischen Gehsteig und Straße in die Ecke zwischen den Asphalt schmiegen, das Laub, zergehe ich
Aber fast egal wie desillusioniert ich bin, freuen mich gewisse Dinge noch 
immer
immens

Tuesday, 12 February 2019

Während es dir blendend geht,

glänze ich in der Hitze vor mich hin
vor Schweiß
vor Arbeit
vor Werk
Textfragmente sind genauso gut wie ganze Texte und fertige Texte und abgeschlossene Werke
Liebe wird uns wieder zerreißen, Liebe wird uns wieder auseinander reißen, Liebe wird uns wieder zerreißen

Auf Reisen wird mir immer ganz vieles, ganz klar
was wahr ist (für mich)
was war
was wichtig ist (für mich)
was ist
was komisch ist 
das ist
was komisch ist, dass ich die Menschen (mit der Ausnahme derer, die ich treffe oder mitbringe) distanziere

und erst, wenn ich sie wieder sehe, ich sie mir annähere, sie sich mir wieder zutrauen

Auszüge (6)

Ich denke der Text ist ein Gedicht, es heißt: 

Vielleicht muss man sich gar nicht gefunden fühlen oder aufgehoben,
gut.
Na gut.
Ich fühl mich total verloren, zugegeben. Jetzt, wo.
Und es beginnt so: 
Ich fühl mich total verloren, jetzt, wo
jetzt ist ein Ort in dem Sinn 
wo es nicht mehr so viel gibt gegen das ich die ganze Zeit ankämpfen, 
wo ich immer dagegen halten,
wogegen ich mich permanent auflehnen muss,
um mich nicht selbst zu verlieren. Lustig wie sich die Schlange in den Schwanz beißt. 
Das war für eine Zeit, also die oben beschriebene ganze Zeit, ganz praktisch, weil es mir erspart hat mich mit mir selbst auseinanderzusetzen (und innerhalb von einem Nebensatz vier Wörter, die eigentlich für „ich“ stehen einzubauen, das geht selten
gut. Im Österreichischen deshalb so gut, jedoch, naturalisiert im Textfluss schwimmend, weil wir reflexive Verben so lieben.
Ich fliege dann beim kleinsten Fehler wie ein Rennschlitten aus der eisigen Dreivierteltunnelbahn und wälze mich mit Schneeengeln und dem Gefährt ringend in einer Wolke aus Hautfetzen, Fäustlingen mit sie verbindenden Schnüren dran und gebrochenen Eierschalen den Hang hinunter. Walking on egg shells, walking on ice
Im Kern gibt es schon Menschen, die mir gut sind. Die gut für mich sind, die das gar nicht so genau wissen. 
Du kannst mit uns sitzen.

Und es geht weiter so:
Ich fühl mich total verloren, jetzt, wo
jetzt ist ein Ort in dem Sinn 
wo ist ein Zeitpunkt in dem Sinn
jetzt, wo ein Raum vergangen ist den ich in vollen Zügen genießen konnte
wo ich nie dagegen halten will 
wogegen ich mich permanent nicht wehren muss.

Die Lesung wird so angekündigt: Weil ich kein Tagebuch besitze, veröffentliche ich einfach alles im Internet. Damit trotzdem niemand so richtig checkt, was in mir vorgeht, drehe ich das alles durch eine Mühle oder durch eine Kartoffelreibe. So lange, bis nur noch die, die gerade dabei waren, ahnen können, worüber ich mir Gedanken mache, was ich zu Bildschirm bringe.
Jahre später kann auch ich das nur mehr vage nachspüren.

Ich dachte:
Ich sollte eine Fortsetzung schreiben; immerhin orientieren sich die Intervalle, die Auszüge, die Exzerpte an gewissen halbwegs beliebig, halbwegs voller Liebe gesetzten Punkten, die ich an Personen, Plätze und Dinge hefte;
Hinzu kommt, dass der Objektfetisch macht, dass ich es mag die Druckerschwärze auf dem Trägermaterial zu spüren, ihr mit den Fingern zu folgen anstatt Sehnenscheidenentzündung vom Scrollen zu bekommen.

Es sind 10 Jahre, die ich in diesem Zimmer wohne, in dieser Wohnung. 10 Jahre mit vielen kleinen und großen Unterbrechungen. Und jetzt, wo ich meine Matratze und die Bettbezüge in einen anderen Raum getragen habe, halte ich das folgerichtig für einen guten Moment das nächste Buch auf die Welt zu werfen. Es ist nur ein kleiner Auszug unter den Auszügen, unter den Bettbezügen, aber Auszug genug. 
Die Verzögerung erklärt sich wie folgt:

Mir ist bisher nicht etwas dazwischen gekommen, ich habe mir selbst eine Falle auf gestapelte Honigtöpfe gestellt und der in eine Schleife gelegte Strick hat mich, sich um meinen Knöchel ziehend, Sohlen über Kopf den Ast hinauf gezogen, wo ich lange mit verschränkten Armen gehangen bin. Auf den Geschmack komme ich langsam wieder und tippe weiter im Dunkeln, tappe ellbogentief im pickerten, metaphorischen Honig.
Und, wenn man mich dann fragt, ob das die künstlerische Äußerung ist, die ich der Welt entgegenbringen möchte, dann ist meine Antwort, dass das meine künstlerische Äußerung ist, die ich der Welt entgegenstellen möchte, zwischen mich und sie wie eine Barriere, weil sie mich sonst umreißt.