Sunday, 30 December 2018

Ich hab Wien jetzt verstanden.

Wenn man in Wien ist, muss man so Wiensachen machen. Wenn man und mensch und eins in Wien ist, muss eins und mensch und man Wiensachen machen. Das hat mich selbst ordentlich irritiert, dieses Holpern im Satz, keine Sorge, das bist nicht du, das bin ich. Und nicht die Gesellschaft. Also so Dinge, die man nur in Wien machen kann, meine ich, also Dinge, die so typisch sind für Wien. So typisch, das verlangt ein wie und einen Vergleich. Der kommt später, der ist heut spät dran, der ist da an und für sich nicht zuständig und die Vertretung vom Kollegen ist im Urlaub. 

Man muss eigentlich an einem kühlen Oktoberabend mit einem kleinen Bier (in der Flasche) im olivenbebaumten Garten von der Filmbar unter Schirmen sitzen wie an einem verregneten Pariser Apriltag in Marais mit dem Rücken zur Wand und irgendwelche dekadent teuren Weintrauben mit Walnüssen essen. Und Leute schauen und Touris.
Kaum jemand weiß, dass das Schokoladengeschäft um die Ecke früher ein Knopfgeschäft war und noch dazu einer der allerältesten Läden der Stadt, eine Spezialwarenhandlung. So ahnungslos; wie ich an fast jedem Ort. 

Man muss eigentlich danach zum First Floor flanieren, aber nicht dandyhaft und nicht flaneuristisch, und am besten jeden Tag im Jahr in Wirklichkeit. Durch die Doppeltüren wie durch eine Schleuse, wie in ein Schiff oder in eine andere, besser abgestimmte Realität gehen (keine bessere Welt). Die hölzernen Deckenpanele bewundern und die wunderschönste Blumenstofftapete hinter dem Klavier, angeblich aus 1920 (früher war nicht alles besser). Dort im katholischen Sinne schuldvoll sündteure Cocktails trinken mit ausschließlich runden Preisen, in einer Fensternische sitzend. Und sich ärgern darüber, dass die Leute so wie sie gekleidet sind, nie exakt ans Interieur angepasst sind. Das muss eigentlich verpflichtend sein, Türpolitik, Menschen müssen ans Interieur angepasst sein.
Und man muss im Grunde vergessen, wenn man mit Bankomat zahlt, aufzurunden und hat auch kein Bargeld dabei, um es auf der quadratischen, weißen Serviette (parallel dazu gebracht wurden Erdnüsse und geröstete Maiskörner) zurückzulassen. Und man muss sich dann dafür schämen. Aber andererseits hat man sich nicht darüber beschwert, dass der Sprudel nicht so sprudelt wie er sollte in einem derartigen und derartig respektablen Etablissement. 

Es ist unabdingbar anschließend oder im Voraus die Bonbonniere zu besuchen und die Besitzerin, die einmal vor vielen Jahren im Urlaub in Monaco zum Karneval als Vogelstrauß verkleidet war und viele ihrer Federn am Rücksitz des Autos (ein Cabrio) ihrer Begleitung gelassen hat (dieses Bild der Besitzerin in diesem Kostüm nie wieder aus dem Kopf zu bekommen). Und es ist eigentlich notwendig von dem netten, älteren Herren, der neben dir an der Bar saß und dir erzählt hat wie es hier vor 60 Jahren zugegangen ist, sich auf die Spritzer einladen zu lassen, die man in seiner Gegenwart genossen hat.

Man muss sich eigentlich am Sonntag um Mitternacht Brote mit Aufstrich vom Zum Schwarzen Kameel holen und Prosecco dazu schnell am Tresen downen und ein paar von den Brötchen gratis bekommen, weil die sonst schlecht würden bis zum nächsten Tag, im Prinzip. Oder (noch schlimmer, denke ich) die Polizei bekommt sie, weil sonst wäre ja keiner so spät mehr unterwegs, sagt die Bedienung. Man muss dem Kellner, der ein anderer ist, der dich auf Englisch anspricht, eigentlich auf Wienerisch antworten. Und man muss eigentlich, bekommt man den gebrandeten Karton (also brand so wie vermarktet) mit auf den Weg, der ur fancy aussieht und mit dem ich bildlich gesprochen purse first jeden Raum betreten möchte, der vor allem sagt: old money in billiger Produktion, naja, eigentlich genauso an der Theke Trinkgeld geben wie am Tisch. Und man muss selbstverständlich die Handlotion aus dem durchdesignten (so wie gestaltet, aber auf englisch und vielleicht mit Hintergedanken) Vorraum von den Klos fladern, die dort beim Waschbecken steht. Weil so weich waren meine Hände noch nie nachdem ich älter als 5 Tage war. Und besser als Orangen duften sie. 

Man muss, wenn es richtig kalt wird in der Stadt und der Wind allen durch die Köpfe und um die Ecken zieht, verkatert ins Kaiserbründl gehen und sich entweder als unter 25 ausgeben oder als Student; oder als Pärchen vielleicht, alleine. Ich bin meine +1. Und man muss bei jedem Knopf des Mantels, den man öffnet, das Gefühl haben, dass man gerade eine kugelsichere Weste ablegt, graduell. Man muss wissen, was man will und man muss ehrlich dabei sein und das auch zeigen. Weil die anderen sind die Hölle und kennen keine Grenzen. 

In Wien muss man sich eigentlich freuen, wenn einem nur der Hund auf die Füße steigt (nicht das Herrchen) und einem die Menschen nicht zu nahe treten. Die Begegnungszonen und deren Konzept sind mir immer noch ein Rätsel. Absolut niemand will sich in dieser Stadt begegnen und schon gar nicht auf Augenhöhe oder im echten Leben. Der öffentliche Raum ist ein Raum, den man so bald wie möglich wieder verlässt. Hinter verschlossenen Türen fühlt man sich am wohlsten. Und wer nicht leise raucht und in Folge vielleicht noch laut hustet, der muss sofort angezeigt, verklagt werden. In dieser Stadt muss man sich eigentlich wirklich glücklich schätzen, wenn man nicht mit Menschen im Haus wohnt, die andauernd anlasslose Beschwerdebriefe ans schwarze Brett heften oder an dich persönlich adressieren oder direkt an den Ort des Missfallens kleben. 

Einmal hat jemand zu mir gesagt, dass sich in dieser Sache seit 1938 nicht viel geändert hätte: Dieses Land und insbesondere diese Stadt war schon damals eine Stadt der Denunzianten (sic) und ist es immer noch. Am besten, Sie stellen sich vor, alle ihre Nachbarn wollen Ihnen etwas Böses. So kommen Sie am ehesten durch. Und, wenn Sie etwas machen, das verboten ist, lassen Sie sich nicht dabei erwischen. Weisere Worte wurden selten gesprochen.

Man muss das Nachtasyl lieben und hassen. Und seit dem Zwischenfall dort, es eigentlich boykottieren. Aber vielleicht hat es sich jetzt auch geändert und die Plakate vom Awareness Team bedeuten doch etwas. Ich begebe mich allzu gerne auf eine Zeitreise nach 1989.

Und in Wien muss man froh sein darüber, wenn einen der alte Mann im Hofer an der Kassa nicht anknurrt. Das ist mir letzte Woche passiert. Und man muss sich freuen, wenn man nicht im Hofer einkaufen ist mit Menschen, die sich dafür schämen im Hofer einkaufen zu gehen. Man muss eigentlich jede Party auf der mehr Frauen sind als Männer gut finden, weil die Stimmung viel angenehmer ist. Aber das hat weniger mit Wien zu tun. Ich verliere den Faden so wie meine Nähmaschine, wenn man die Nadel verkehrt einspannt.

Auf jeden Fall ist der beste Weg, wenn man an Wien gebunden ist wie die Seiten eines Buches an dessen Rücken geklebt sind - der beste Weg Wien zu genießen und dort eine gute Zeit zu haben - ist der, ab Mai in den Innenhof vom Weidinger zu gehen und dort Käsetoast und Wermut zu melangen (so wie mischen, aber auf Französisch).

Und ein noch besserer Weg ist es, in Lokale zu gehen von denen man sicher sein kann, dass die Besitzer_innen nicht rechtsradikaler Gesinnung sind. Man muss eigentlich im Gasthaus Quell (siehe Lokale deren Besitzer_innen nicht rechtsradikaler Gesinnung sind) faschierte Laibchen mit Kartoffelpurée (das ist wie Püree, aber nicht deutsch) und Röstzwiebel essen. Auch, wenn man sich jahrelang schon nur noch vegetarisch ernährt, kann man nicht anders als diese Speise (zumindest) zu empfehlen. Und man muss eigentlich allen erklären, warum der Herr Brödl eine goldene Plakette an seinem Stammplatz bekommen hat. Und man kann nicht anders als das Ölbild von dem Buben, der im Gras liegend die Rückseite seiner Hand auf seine Stirn legt, super zu finden.

Und man muss sich unheimlich ärgern, dass das Café Mentone jetzt eine Aida Filiale ist und alles verloren hat, was es früher hatte und ausgemacht hat. Und man muss sich immer über die Aida Filiale in der Neubaugasse freuen, weil sie eigentlich die schönste ist, in echt, ich schwöre.

Und man denkt immer noch mit Schrecken zurück daran wie es am Klo vom Adlerhof gerochen hat (manchmal bin ich lieber zu Hause aufs Klo gegangen als dort; wenn ich dort war, wohlweislich), kann sich kaum vorstellen, dass die Großküche noch bis kurz vor dem Zusperren zumindest teilweise in Betrieb war. Und man fragt sich zwangweise, was aus diesem Raum wird, wer die Wendeltreppe zum Keller als Nächstes benutzen wird und, ob der Rest auch noch herausgerissen wird so wie mein Herz mit 15.

Und man darf nicht so grenzenlos verbittert werden über die Jahre, oder so grau im Gefühl wie die Stadt in den 70er Jahren, wo sie eigentlich ganz rot war im Inneren. Und man darf nicht so überschwänglich passiv aggressiv werden und aktiv aggressiv, über alles haten. Man muss nicht immer alles können. Und man muss nicht immer alles richtig machen. Und vor allem muss man nicht immer alles müssen.

Ich will mich gerne in der Waage halten in dieser Stadt in der ich vieles auf die Schalen lege (von dieser), damit sie die Balance verliert. Gutes und Schlechtes und Gutes und Böses und Gutes und Abgelaufenes und viele Antonyme mehr. Ich will gerne die Stadt so viel lieben, dass ich den Pelzmantelwitwen und ihren bösen Blicke mit einem Lächeln begegnen kann. Und ich will die Stadt so sehr gern haben, dass ich am Telefon mit dem Magistrat auf die Antwort „Da bin ich nicht zuständig und der zuständige Kollege ist gerade nicht im Haus und seine Vertretung auf Urlaub.“ mit einem Lachen reagieren kann, weil es ja Menschen sind und ich weiß in welchem Sumpf sie sich tagtäglich bewegen und durch welchen Morast sie zwischenmenschlich waten müssen.

Und ich will so verknallt sein in die Stadt, dass ich sie im Dezember, wenn die Fassaden so konturlos werden und nur noch zweidimensionale Kulissen sind (die sich im Vorbeigehen hin und herschieben) dass ich die Stadt immer noch mag. Auch, wenn die Menschen, die im Tourist_innentempo ihre pickigen Punschhäferln an den regenbogenen Wollhaubenstandln vorbeitragen. Ich will am Spittelberg immer noch irgendetwas Schönes finden. Und sei es nur, dass die alten Häuser auf diesem Hügel noch stehen. 

Sunday, 23 September 2018

Nadine

Einmal habe ich gelesen, dass man jeden Tag schreiben soll, als Ratschlag. Zur Übung und zum Beibehalten von dem, was man kann. Mehr als ein Mal habe ich darüber nachgedacht.
Irgendein alter Meister hat das wahrscheinlich gesagt, der nicht Rembrandt war und wahrscheinlich auch keine Pinsel in die Hand genommen hat, aber sicher ein Mann.
Kunstgeschichte, Penis mit Pinsel. Ionisch, dorisch, korinthisch.

Ob ich eine einheitliche Schreibunterlage brauche, das beantwortet sich ganz einfach mit der Sammlung an kleinen, nicht zer- aber zumindest angeknüllten Papieren, die ich als Ersatzstück für die Tippunterfläche verwendet habe. Diese Versatzstücke lassen sich aber leichter bewegen und brauchen keinen Strom. An einem Papier klebt ein bisschen Sahne vom Pastel de Nata, am anderen ist Saft darüber ausgeronnen, es ekelt mich nicht nur ein bisschen. Bald werde ich diese Sorgen in den Müll ent
sorgen
ent
weder oder sie als abstrakte Kunst in mein modernes Museum hängen, sie mit Hilfe eines Zettelkastens archivieren und künftig stetig darauf referieren.

Wenn man die Fenster zum Gürtel immer offen hat, dann werden die fahrenden Autos irgendwann zu Wellen und Brandung. In diesem und auch in anderen Zusammenhängen kann ich schon verstehen, warum jemand das Antiromantische Manifest veröffentlichen wollte.

Wenn ich mein Ohr an die Lehne des Sitzes lege, höre ich Geräusche aus dem Mutterbauch, Meeresrauschen und ein startendes Flugzeug, sich überlagernd. Der Familienvater neben mir lamentiert, dass sein Fuß eingeschlafen wäre, seine Frau beschwert sich über Schmerzen am Kreuz, die hormongeladene Tochter beklagt sich darüber, dass ihr nie geglaubt und sie nie ernst genommen würde.

Es gibt einen großen Sturm, Bäume fallen auf die Gleise. Anderswo haben bei diesem Wetter Menschen unangenehme Gespräche. Sie und ich, wir alle drei, haben nicht die Wahl vor die Tür zu gehen, weil vor dem Fenster Kühe vorbeifliegen. Uns allen dreien droht der Tod von oben oder von seitwärts. Ich bewege mich weiter mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde fort ohne einen Finger zu rühren.
Deutsch ist eine komische Sprache, weil Todesgefahr und Lebensgefahr im Grunde genau dasselbe bedeuten. Oder das Gleiche. In dem kleinen Waschbecken, das die Zugtoilette bereit stellt, möchte ich mich duschen und dann föhnen lassen von dem mit Gitter bedeckten Handtrockner.

Nachdem mir endlich die Augen zufallen, fällt mir gleich wieder der Schein der Taschenlampe der Polizisten ins Gesicht. Wieder bin ich blond genug, um meinen Pass nicht vorzeigen zu müssen; die alte Leier. Meine Augen schließen sich wieder bis die Abteiltür aufgerissen wird und die Zugbegleiterinnen uns informieren, dass wir bald stranden werden wie Wale. Ich bin am Sand.

Nürnberg zwischen zwei und fünf Uhr früh zeigt sich mir gewalttätig und hilfsbereit, zwei für eins. Die Menschen, die ich gesehen habe, warfen entweder (das oder kommt später) betrunken mit Glasflaschen nach Hauswänden, immerhin nicht nach mir. Diese Scherben hätten mir weder Glück noch Pfand eingebracht, höchstens Schnittwunden. Das waren Männer. Oder, wieder andere fragten mich besorgt, ob ich den Weg verloren hätte und wo ich denn hin wollte, aber das waren zwei lesbische Frauen. Sie wollten fast nicht aufhören damit mir helfen zu wollen, so verloren war ich scheinbar in meiner Außenwirkung. Und der eine Mann mit dem ich mich über Gewinnspielsendungen im Fernsehen unterhalten habe, hatte eine Angorakatze, eine echte. Fazit: Ich hatte mir dich viel schöner vorgestellt, dich Stadt. Mehr putzig, niedlich und herausgeputzt als eng, gedrückt und bräunlich. Aber vielleicht siehst du bei Tag viel besser aus.

Die Reise mit dem öffentlichen Verkehrsmittel macht mich immer müder. Ich möchte viel lieber ein Individualfahrzeug, wünsche es mir herbei, in dem Moment. Es kommt nicht. Du wurdest auch nicht auf der Straße zum Filmstar ausgesucht. Und, was am Abend so einfach war, ist in der Früh solch eine Last.

Ich arbeite währenddessen intensiv am Konzept einer Performance. Man sieht mir das nicht an. Auch nicht, als die drei (als Sekretärinnen im Urlaub verkleideten) Frauen mich (auf meinem Koffer sitzend) fragen, ob ich ihnen das Bier mit dem Feuerzeug aufmachen kann. Das erste schaffe ich für meine Verhältnisse relativ schnell, beim zweiten kommt mir schon ein Typ zu Hilfe, der sich endlich für einen Moment in seiner Männlichkeit bestätigen kann. Es arbeitet in mir.

Die Performance heißt jedenfalls Nadine dimensions variable und findet in der deutschen Provinz statt. Das Unwetter hat Nadine geheißen, das hat mir das Internet erzählt. 
Sie geht so, dass vorgetäuscht wird, dass bei einem starken Sturm in Norddeutschland sämtliche Bahnverbindungen zusammengebrochen sind. Daher wird hastig, aber ineffektiv ein Schienenersatzverkehr eingerichtet, zum Schein. Alle Passagier_innen müssen raus aus den Zügen. Niemand weiß genau, was passiert und wie oder wann es weiter geht. 
Hunderte Menschen sitzen auf einer Station am Land (Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern) fest und versuchen mit zunehmender Verzweiflung ihre Reise fortzusetzen. Vier leere Autobusse stehen indes versperrt und fahrer_innenlos am Bahnhofsvorplatz. Die Stimmung heizt sich auf. Das regionale Taxiunternehmen ist heillos überfordert. Die Sonne scheint auf die Tourist_innen mit ihren Kappen und Rollkoffern und Nackenrollen und auf die Kinder mit ihren Zöpfen und Teddybären und T-Shirts auf die Teddybären mit Zöpfen gedruckt sind. 
Die große Mehrheit der Gesellschaft, bestehend aus Fahrgästen, hat mitteleuropäische Staatsbürger_innenschaft. Es wird versucht über Telefone schlauer zu werden, alle Informationen widersprechen sich. Es gibt Gerüchte, dass ein Zug kommt. Er kommt nicht. 
In dem Moment tritt dann eine Person mit Warnweste und Megaphon aus dem Schatten zwischen zwei Autobussen und verlautbart, dass nur 10% der anwesenden Menschen einen Platz im Bus bekommen.

Ich werde bald in die ebenso bittere Realität zurückgeholt. Sie unterscheidet sich (als ganze) von der Konzeption meiner (auf einer wahren Begebenheit beruhenden) künstlerischen Arbeit nur minimal. Ich wünsche mir, dass diese von der der Deutschen Bahn produziert wird. Als Kompensation. 

Drei wirkliche Züge und einen echten Bus später nicke ich im Letzteren sitzend permanent ein. Ich beginne Traumfetzen zu sammeln während die versammelten Personen um mich herum Gespräche führen in denen sie Betroffene informieren, dass sie und, warum sie später eintreffen werden als geplant. Im Bus hat es trotz Temperaturstürzen circa 50 Grad. Ich stürze meinerseits am Ende erleichtert in Lüneburg aus dem Omnibus in den Bahnhof hinein. Obwohl ich da gar nicht hin wollte. Mein Blutzucker ist circa eine Packung TUC Kekse.

Sunday, 26 August 2018

Siebenschläfer

Du kannst deinen eigenen Weg gehen
und ich werde meinen eigenen Weg gehen
und wir können den Weg gemeinsam machen
und wir können eine gute Zeit haben
für die Zeit, die wir uns nehmen
und wir können uns an geschätzten Mitten, an offenen Enden und an mit Fransen besetzten Anfängen treffen
mit grob geschätzten Mitteln gerade so bare Enden treffen machen, Fäden zusammen fassen,
an einem Strang ziehen,
gerissene Stricke am fallenden Wasser
mit Bestimmtheit, gemessenen Schritts
der Saum

zwischen den Wänden herumtollen
und dabei furchtbar laute Geräusche machen hinter den Tapeten

wir können uns am Delta sehen zwischen Armen und Armen und hoch gestreckten Armen,
wir können uns durch den Nebel erahnen wie Schatten von Schatten von Schemen
wir können uns im Regen im Dunklen aus den Augen verlieren
in unsere nachtesten Farben gekleidet
und wir können unsere Augen zumachen in der Sonne
in unseren tageslichtesten Kleidern
und wir können uneindeutig bleiben und uns trotzdem gut finden,
einander gut
finden.

Thursday, 2 August 2018

Wie eine heiße Kartoffel

Es gibt eine Tür. Und dahinter liegt natürlich eine Angst
zwischen den aufgeschichteten Tellern und den ineinander gestapelten Tassen. Sie liegt dort bequem, sie liegt auf, sie steht nicht
Sie ist kein zergatschtes Gemüse am vom Fett verschmierten Boden, sie lauert nicht im klappernden Zwischenraum von Häferl und Untertasse, sie fließt eher langsam in den von runden Löchern geprägten Abfluss. Manche von ihnen sind selbstverständlich verstopft von Zwiebelschalen und anderen Abfällen, es gluckert
Und über diese sich verflüchtigende Angst will ich schreiben.
Inzwischen fürchte ich mich nämlich gar nicht mehr, dass du mich fallen lässt wie ein eben erst in brodelndem Wasser gekochtes Lebensmittel. Stattdessen schälen wir es gemeinsam und verbrennen uns die Finger dabei. Vielleicht hat sich die Angst auch förmlich in Luft aufgelöst und ist mit dem Wasserdampf aufgestiegen, hat sich später an der Oberseite von Stauräumen in der Küche auf den Zeitungspapieren abgesetzt; Für die Zukunft, eine Notiz: die hat sich abgesetzt, ist durchgebrannt wie ein Glühbirnenfaden und eine Person, die doch nicht heiraten will, zwei in einem. Ich lerne, wie auch du, nie daraus, dass die Herdplatte heiß ist und was das bedeutet. Ich koche.

Die Angst, die immer bleibt, ist natürlich die, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen und den durchgebrannten Sicherungen und den Sedimentschichten von verdrängtem Biomüll. Und gleichzeitig die Notwendigkeit diese auf diesen Stuhl zu setzen und jene auf jenem Sessel fläzen zu haben. Und die durchaus (immerzu) relevante Frage, wie bewusst du dir über Traumata aus deiner Vergangenheit bist und wie aktiv du daran arbeitest diese zu heilen damit du diesen Scheiß nicht auf mich projizierst
?
Auf dem durchgesessenen Stuhl sitze ich. Ich habe ihn aus dem Schrott gezogen, diesen bestimmten. Er hält Platz für viele andere auf denen ich nach meiner Stimme gesucht habe. Geräuspert habe ich mich, ausgespuckt habe ich, ein Glas Wasser getrunken habe ich, ein Sechzehntel Rotwein habe ich zu mir genommen. Am Rest von einer Zigarette habe ich gezogen, um den Frosch aus dem Hals zu einem Prinzenähnlichen zusammen zu kotzen. Schamlos habe ich da geborgt und dort gestohlen mit weder Talent noch Genie
Meine Hand gleitet aus deiner Hand und wir lassen einander mit Geistern tanzen.

Friday, 27 July 2018

Lau

Während der Kellner von gegenüber mit dem ich mal 1 eigenartiges One Night Stand hatte, seine grindr Nachrichten checkt, krabbelt eine kleine Maus aus der Ritze zwischen Schanigarten und Gehsteigen, wo wir immer die Zigarettenstummel hin kehren. Sie läuft auf mich zu und schaut mich lange an. Ich halluziniere nicht. 

Friday, 13 July 2018

Ein Paralleluniversum hat sich zu mir umgedreht.

Es war in der U-Bahn und es ist vor mir gesessen, in die Form von zwei Typen hatte es sich gegossen.
Sie waren wahrscheinlich beide um die 20, haben beide Blue Jeans und beide schwarze Jacken und beide die Haare kurz getragen.
Der, der am anderen linken Platz saß, wand seinen Kopf so weit bis er mir mehr als sein Profil zeigte und fragt (in der Gegenwart geschildert, damit es unmittelbarer wirkt): 
Seids ihr schwul? Ich runzle die Stirn, erwidere nichts, suche Augenkontakt mit ihm, warte mit Spannung, was als Nächstes kommt. Das öffentliche Verkehrsmittel wird zum Begegnungsort außerhalb der eigenen sozialen Seifenblase. 
Es gibt nämlich so eine Party für Lesben und Schwule heute. Ich bin erstaunt darüber, dass er besser darüber informiert ist als ich, frage mich, ob ich vielleicht doch alles falsch gemacht habe in meinem Leben. Also vor allem, was die Auswahl meiner abonnierten Informationskanäle betrifft, ob ich die überdenken sollte. Oder, ob ich ihn erscheinungsbildbedingt und vorurteilsbehaftet in die komplett falsche Schublade gesteckt haben könnte, nicht zusammengelegt und sehr ungebügelt. 
Schön, antworte ich schließlich. Es freut mich ehrlich, dass es diese Feier gibt und die Reichweite der Bewerbung dieser scheinbar ziemlich ausgedehnt ist. Er mustert ganz schnell abwechselnd mich und meine Begleitung. Ich kann sehen, dass es hinter seinen Augen arbeitet. Er fragt: Wer von euch ist das Mädchen? 
Ich wende mich ab und frage meine Begleitung in einer anderen Sprache, ob er wissen möchte, worüber gerade gesprochen wurde. 

Friday, 6 July 2018

Just

Alter ist just eine Nummer. Im Herzen bin ich 15 jähriger Punk, der immerzu am Boden sitzt. Ich weiß schon lange wie man Bierflaschen mit Feuerzeugen öffnen kann. Noch lieber mache ich das aber mit den scharfen Kanten von Verkehrsschildern. Meine Feindbilder trage ich auf der Zunge und im Herzen.
Im Herzen bin ich eine 75 jährige Dame, die gerne seichten 2 Minuten Früchtetee trinkt und sich an frühere Tage zurückerinnert, wo auch die Zukunft viel besser war. Man war damals schon froh, wenn man sich wenigstens die Zunge verbrennen konnte. Meine dünnen, selbst gedrehten Zigaretten zünde ich mir am Gasherd an. Meine Feindbilder stehen streng gerahmt auf meinem dysfunktionalen Kamin.
Ich bin eine junge Frau und spiele am Montag in der Nacht Basketball im Käfig mit schwarzen, kurzen Hosen und Sport BH. 
Ich kann nicht sehen und betrete das Arena Beisl mit Hilfe eines Langstocks, einem Erkennungszeichen. Ich tanze, jongliere dabei den Stock von Hand zu Hand. Wenn er mir runter fällt, hebt ihn die sich neben mir rhythmisch Bewegende auf, die ihn sehen kann und händet ihn mir zurück. 
Jeden Tag will ich nur zu Hause bleiben, mit verschränkten Armen auf dem Polster am Fensterbrett, in dieser Positur. Ich will dabei nur den Leuten auf der Straße zusehen wie sie vorbeiziehen, fast so unbeeindruckt bleiben von ihnen wie von den Wolken. Hin und wieder möchte ich einen Kübel Wasser auf sie hinunterschütten, auf die Gfraster, fast so wie die Wolken und dabei geifern (schwaches Verb). Und jeden perfekten, verfickten Tag will ich Sangria im Park trinken, es ist solch Spaß. Und denen dort oben sämtliche Mittelfinger entgegenstrecken.

Friday, 29 June 2018

Ich hatte einen Traum und (Ende Juni)

I really enjoyed watching it, ist, was ich beim Aufwachen darüber zu sagen hatte. 
Es war so filmisch. Wobei es nur eine einzige Szene war an die ich mich erinnern konnte bevor und als ich aufgewacht bin. 
In einem angestaubten Museum, dort hat er gespielt, das seine Sammlung und sein Interieur aus den mittleren 70ern hatte. Das kann ich so genau datieren, weil es mein Traum war und mir das niemand widerlegen kann mit keiner Radiokarbon-Methode oder einer kleinen Kulturgeschichte des Möbeldesigns. 
Alles hatte eine Art Sepiafilter, aber immer mit Orangestich. Den hatten die Menschen und das hatte der holzige Parkettboden, vielleicht die filzigen Wände. Und die auftretenden Personen trugen auch so beige oder braune Anzugsjacken, weite Hosen aus der Zeit mit cremeweißen oder hellgelben Hemdchen. Ganz geordnet eigentlich, haben sie ausgesehen und so gar nicht aus der Zeit gefallen in die sie gesetzt waren. Im vorderen Bereich gab es den Parkettboden; hinter einer Art Abtrennung. 
Wie im Hofmobiliendepot vor der Filmausstattung von den Sisi Filmschauplätzen, wer's kennt. Und dann gab es einen anderen Boden, der nur für den Effekt verlegt wurde, darüber, vielleicht so Teil PVC mit einer Metallleiste zur Trennung. An den Wänden gab es Schautafeln und Graphiken, die alle halbwegs wissenschaftlich ausgesehen haben und museal. Ein bisschen waren sie wie das Kunstdruckplakat mit den Eselsohren an den Rändern des Kartons, wo Wiesel drauf sind, das ich besitze. Vielleicht hat das auch den Traum ausgelöst, obwohl ich nicht mehr mit ihm in einem Zimmer schlafe, wir haben jetzt getrennte Betten.
Ich war dort mit einer Frau, die die Schwester ihres Bruders war. Ihr Bruder war auch da. Sie hatte dunkelbraune Haare, er hatte schwarze. Ich kenne sie beide nicht persönlich, nur aus dem Traum. Ich sollte meinen Finger auf ihre linke Zahnreihe legen, von ihr aus gesehen. Weil, warum? Der letzte Zahn hat ihr gefehlt, dort in die Lücke wurde mir gewiesen meinen Finger hineinzulegen und ihn umzubiegen. Aber auch dort; war ein Zahn, er war nur niedriger als die anderen und hat, obwohl ich ihn nicht sehen konnte, ähnlich ausgesehen wie ein lebender Stein, die Pflanze.
Einer der Anwesenden hat mir ein gekochtes Ei gereicht, das eher dunkelbraun war, anders als zu Ostern, oder war es nur ein Arm ohne Körper, der hinüberreichte. Scheinbar hat es dem Bruder nicht mehr gefallen, dass ich mich überhaupt in diesem Raum aufhalte oder, dass mir seine Schwester alle Schautafeln erklärt. Er umarmt mich also von der Seite, hebt mich so senkrecht nach oben, ich bin unbewegt wie ein Brett, wenig bis gar nicht liebevoll auf einer Skala bis
Er trägt mich fast Richtung Tür und tritt dabei auf ein weiteres Ei, das aber auf dem Boden schon zertreten und verschmiert war, also die Reste dessen, und so die Schalen nur noch wenig geknackt haben. Damit hört er auf. 

Thursday, 21 June 2018

Ohne dich bin ich nichts (Übersetzung)

Eine seltsame Verliebtheit scheint am Abend die Gezeiten zu schmücken
Ich werde es an deiner Seite nehmen
Solch eine Vorstellung scheint dabei zu helfen das Gefühl wegzuschieben
Ich werde es an deiner Seite nehmen
Der augenblickliche Zusammenhang ist ziemlich Scheiße und brütet ein Rudel Lügen aus
Ich werde es an deiner Seite nehmen
Übersättigung kräuselt die Haut und gerbt das Leder
Ich werde es an deiner Seite nehmen

Ich bin unrein, ein Freigeist
Und jedes Mal, wenn du deiner Laune freien Lauf lässt
Scheine ich die Kraft des Sprechens zu verlieren
Du gleitest langsam aus meiner Reichweite
Du ziehst mich heran wie ein Immergrün
Du hast mich noch nie einsam gesehen

Ich nehme den Plan,
drehe ihn seitwärts
Ich falle

Ohne dich, bin ich nichts
Ohne doch, bin ich nichts
Ohne dich, bin ich nichts
Nimm dem Plan, dreh ihn seitwärts
Ohne dich, bin ich gar nichts

Monday, 28 May 2018

Zahnbürsten

Es gab eine Zeit in meinem Leben da trug ich fast immer eine Zahnbürste mit so einer Abdeckung aus milchigem Plastik für die Borsten, die man zum Schutz darüber zusammen stecken kann, mit mir herum. Das war der erste Satz, der letzte Teil dessen hat mir noch gefehlt, gerade, und wirkt deswegen so dran gestoppelt im Nachhinein. Das ist der Aufhänger für den Text, schief. Mit mir herum, with me around.
Sie hat in die tiefe Übergangsjackentasche gepasst und auch in das vordere Fach des dunkelroten Rucksacks aus Kunstleder, der sich inzwischen durch längere Tragzeit in Einzelteile aufgelöst hat. Weil ich nie so sicher war wo ich schlafen gehen und wo ich aufwachen würde. Und mit wem oder in welcher Stadt oder in welchem Jahr.
Und wo das Schreiben anfängt und wo es aufhört. Das Leben schreibt nämlich überhaupt keine Geschichten. Vor allem in keiner sanften Stimme vorgelesen, also gesprochen wie in der Werbung.
Die Zimmerdecke war eigentlich nie besonders hübsch anzusehen, sie war fast immer einfach weiß oder Raufaser; Bettwäschen gab es oft ganz schöne oder Betthäupter aus Metall, die haben mir gefallen. In Wirklichkeit hatte ich mir natürlich eh nichts anderes gewünscht als die Zahnbürste bei dir auf den Rand des Waschbeckens zu legen, oder sie, tatsächlich unabsichtlich, dort zu vergessen. Oder, im Traum, von dir dazu aufgefordert zu werden.
Um stattdessen wie die harte Sau zu wirken, die ich bin, hab ich dir lieber ungefragt ins Gesicht gesagt: Keine Angst, ich nehm die eh wieder mit. Wahrscheinlich auch noch mit dem subtilen Subtext, dass ich sie bald anderswo brauchen würde. Weil ich bin sowas wie eine strong, independent woman of the 90ies.
Dann war mein Badezimmer meine Küche und das hatte in all seiner Übergangsmäßigkeit für eine Zeit kaum Gewicht. Wie ich das danach gelöst habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich meine Zahnbürste so lange an einem Ort gelassen habe, dass ich sie sogar mehrere Male auswechseln musste. Ich frage mich, was aus der letzten geworden ist. 

Saturday, 12 May 2018

Gitterpommes

Ich gehe dort zwei Mal im Jahr hin. Und manchmal klingt es dann in McDonald's wie neben einem Herzschrittmacher bzw. wie neben einer Maschine, die dazu da ist die Herzfrequenz abzulesen, die kein Herzschrittmacher ist. Also wie im Film, die lebenserhaltenden Maßnahmen. Inzwischen bestellt man an Automaten und nicht mehr bei Menschen. Und, wenn es in dem Moment Amy Winehouse spielt an der Kassa, bin ich gar nicht sicher, ob sie unglücklich damit ist, tot zu sein. Aber wer bin ich, um das zu beurteilen
Ich glaube auch, dass in der Zukunft alle und alles immer austauschbarer werden und es wirklich langsam an der Zeit wäre diesen komischen, anerzogenen Gedanken von Individualität, Integrität und Authentizität zuerst abzustreifen und dann wegzulegen wie eine Stola über eine Stuhllehne.
Und das beziehe ich auch auf Beziehungen und auf Kennenlernen und Trennungen und Verbindlichkeit und Unverbindlichkeit. Ich möchte es aber nicht umsetzen, es soll lieber so wie es ist auf dem Stuhl sitzen bleiben und sich anschmiegen an eben die Lehne über welche die Stola geworfen wurde; sonst werde ich traurig wie über den verschwindenden Einzelhandel oder die Mittelklasse
Es wird dann auch im Deutschen nicht mehr notwendig sein die Unterscheidung zu machen zwischen "das Selbe" und "das Gleiche". Schon jetzt weiß niemand das richtig anzuwenden oder, ob man es zusammen oder klein schreibt, ich bin da selbst keine zu konsultierende Autorität. Bevor noch die Idee aufkommt: ich sehne mich ganz klar nach keiner strengeren Grammatik, weder im Leben noch in der Sprache. Lieber wäre mir, dass in dieser teuflisch an die Wand gemalten Zukunft zumindest alle Zugang zu Glückshormonen und Weltraumnahrung aus dem Internet bekommen.

Saturday, 14 April 2018

Es braucht alles seine Zeit

Es gibt diese Tage, wo ich eigentlich ganz zufrieden bin mit der Welt und mit mir. Das funktioniert, weil ich dann wenig über die Welt nachdenke oder über mich. Das ist eine Form von Zufriedenheit, die an den Abgründen knapp vorbei schrammt. Weil die Dinge in meinem Körper, die den Haushalt schmeißen, den Abwasch mit den Hormonen irgendwie gut gemacht haben.
Ich glaube, dass Leben so eine Entscheidung ist zwischen spontan und unverbindlich auf der Welle sein und Vertrautheit und Sicherheit auf der anderen Welle. Im Unterschied zu Ebbe und Flut stoßen diese zwei Pole ohne sanften Übergang manchmal hart aneinander. Sie surfen meistens blöd herum wie ziemlich fest und schnell gefrorene Eisberge; erst von einem Wikipedia Artikel zum anderen und dann im tiefen Fall auf der Suche nach Bewegtbildern in die Gletscherspalten von Persönlichkeitstests und plötzlicher Werbung von willigen wie auch fiktiven Personen in deiner Umgebung, die jetzt sofort in diesem Augenblick Sex haben wollen. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass auf den Spitzen der Eisberge Fähnchen im Wind aufgestellt wurden, die ihrerseits eine comicartige und symbolhafte Abbildung von kleinen schneebedeckten Bergen zeigen. Irgendwie winken sie dir zu.

Wie es so plötzlich warm geworden ist, war ich ganz unschlüssig, ob ich dafür schon bereit wäre. Ich habe schon viele Male offenkundig mein Unbehagen über die Ehe geäußert als Institution als solche. Aber manches Mal will ich Menschen schon einfach heiraten und den Rest meines Lebens mit ihnen verbringen
für circa zwei Wochen.
Im Sommer sind die Steine nachts noch so aufgeheizt, dass sie weiter nach außen strahlen. Sie kühlen dann eigentlich nie ab. Ich erinnere mich gut, auch, wenn das gerade noch schwer vorstellbar ist. Meine Straße bäckt so alles, was sich darin bewegt und was sich darin nicht bewegt, weil Wien ist einfach voller Häuser, die aus Steinen sind. Manche sind auch gar nicht verputzt oder gestrichen, die bedecken nicht ihre Blöße. Im Hof treibt übrigens die kleine Feige ihre ersten Triebe. Es ist komisch, dass es mir gut geht, das war schon lange nicht so.
Ich spreche viel darüber wieder wegzufahren
für circa zwei Wochen. Das erste Mal Verschwinden hoffe ich zu empfinden wie einen Befreiungsschlag ins Gesicht. Oder kaltes, klares Wasser aus dem Kübel

Es ist wahrscheinlich einer der kitschigsten Orte der Welt, der Brunnen in der Ecke vom Volksgarten, wo das Sisi Denkmal in Stein
gehauen wurde. Dort denke ich daran wie unwahrscheinlich attraktiv ich es finde, wenn du zuerst behutsam die Epidermis eines großflächigen Laubblattes berührst und nach kurzer, eingehender Betrachtung die Pflanze mit ihrem Namen ansprichst.
Ich möchte heute ausgehen, aber ich habe keinen Fetzen anzuziehen.

Sunday, 1 April 2018

"my acne is cleared, my depression has been cured, i am getting 8 hours of sleep, i am properly hydrated"

Wenn ich sage zu dir oder zu mir und du sagst jedes zu seinem, bin ich kurz irritiert. Im schwulen Online Dating ist es normalerweise so, dass fast alle immer miteinander nach Hause gehen, früher oder später. Das ist klarer Weise total problematisch, diese Annahme und diese Aussage und diese Normalisierung, diese Kultur. Und man muss da ur drauf achten, welche Annahmen sich einstellen und welche Erwartungen sich aufbauen und mit welcher Einstellung man da hinein geht, oder ob; also ich und du und alle zwei oder drei und vier Involvierten auch. Ob man überhaupt den Rahmenbedingungen innerhalb derer die Konversation stattfindet, zustimmt. Und auch, dass man nicht etwas macht oder nachgibt oder sich dazu überreden lässt, weil man das Gefühl aufgedrückt bekommt zu etwas zugestimmt zu haben oder auf etwas eingegangen zu sein, wenn das absolut nie der Fall war, faktisch. Sich vorzubehalten die Pause Taste zu drücken, sich das in Erinnerung zu rufen, im vorderen Teil des Kopfes zu behalten. Das ist aber nicht der Ort für meine #metoo Geschichte.
Du hattest eh zuerst schon vorgeschlagen einfach gemeinsam aufs Klo zu gehen. Vielleicht war es die Reaktion darauf, dass ich nicht auf diesen Vorschlag eingegangen bin, getrennte Wege zu gehen des nächtens. Womit ich nicht scheinheilig sagen will, dass wir nicht gleich nach dem ersten Aufeinandertreffen schon Sex gehabt hätten. Ups. Für manche funktioniert das so
Manchmal passt es, Lust und Laune und Moment und Mensch und Mensch und passt Körper auf Körper, fühlt sich Haut auf Haut gut an und das ist so das Ideale, deswegen war ich fast überrascht, wenn das dann ein Mal mal nicht passiert. Also das Ideale - so gemeint - wenn es sich auch noch mit einer Vielzahl von Interessen überschneidet, die außerhalb von Geschlechtsverkehr und körperlicher Attraktion stattfinden.
Ich habe vieles auf meinem Teller und eh nur am Rande dessen frage ich mich warum die Aktivität, die immer noch weitestgehend für den Fortbestand des Menschen auf diesem Planeten grundlegend ist, so stark tabuisiert und mit Scham besetzt wird und wurde. Und warum nicht stattdessen zum Bespiel der Fortbestand des Menschen auf diesem Planeten tabuisiert und mit Scham besetzt wird. Dieser Gedanke würde mir gefallen, den weiter zu spinnen.
Es kommt mir aus der mich selbst beobachtenden Perspektive fast schon gefährlich vor wie schnell sich zwei Leben ineinander verweben können. In meiner derzeitigen Verfasstheit, da bin ich wahrscheinlich mehr dazu disponiert, mich auf jemanden einzustellen. Wobei das gar kein Ziel ist und ich gar nicht weiß, was das eigentlich ist, respektive das Ziel oder das Verwobene. Dann erinnere ich mich aber, dass sich mein Leben früher genauso schnell mit einem anderen verwickelt hat. Das hat oft circa zwei Minuten lang gedauert und schon waren wir auf dem Weg irgendwo hin. Oder auf dem Weg zu mir. Oder zu dir.
Oder gemeinsam im Taxi auf dem Weg in den Club oder zu zweit auf einem Fahrrad den Weg am Fluss entlang oder nach dem Club zum Frühstück oder einfach nur Hände halten im Bett vor dem Einschlafen. Und Wodka mit Gurken. Oder ich hab versucht dir beizubringen, dass ich Koksen und ein Auto lenken nicht für die beste Kombi halte. Es ist in Bewegung und, wenn mir danach ist, werde ich das machen. Und wahrscheinlich werde ich Teile davon irgendwann bereuen und mich fragen, ob das wirklich notwendig war. Aber immerhin habe ich dann nicht das überwiegende Gefühl, dass mich die Angst des etwas Verpassens von innen her auffrisst

Sunday, 25 March 2018

Ich sehe dich in einem anderen Leben

Es gibt nur ein minimales Skript. Ich nehme den vorletzten Waggon der U-Bahn. Du steigst vier Stationen später zu. Du nimmst die Tür, die am weitesten entfernt ist. Das ist nicht mehr Teil des Skripts. Dass du davor mit der Stoppuhr getaktest hast wie lange eine Haltestelle dauert, das schon. Wir finden Blickkontakt. Ich gebe vor dich nicht sofort gesehen zu haben und als ob ich den Blick umherstreifen lassen würde. Wir haben eine Rolle gefunden. Wir waren davor nervös, das erfahren wir erst danach. Wir sprechen nicht zueinander und wir sprechen nicht füreinander. Deine Augen sprechen für dich. Und deine Wimpern.
Du wählst einen freien Sitzplatz. Nicht den, der dir am nächsten war. Ich finde dein Gesicht wieder. Wir treffen uns immer wieder. Wir treffen uns schon seit Wochen immer wieder und wir treffen uns zum ersten Mal. Wir stehen für jemanden anderen und du vertrittst die Stelle von jemand anderem, kein Ersatz. Ich spiele eine Szene in meinem Kopf durch, die ich von anderer Stelle kenne. Ich spiele sie dir nachher vor, nachdem sich das alles abgespielt hat damit du auch weißt mit was ich gespielt habe mit welchem Wissen und wodurch sich mein Handeln informiert hat. Unsere Perspektiven überkreuzen sich, ich bin verschmitzt, du bist amüsiert. Es ist ein Anbandeln, so als gefielen wir einander, als spräche uns irgendetwas an, am anderen. Unsere Rollen überlagern sich vielleicht das zweite Mal mit unseren Rollen, die wir davor schon gelebt haben. Ich kenne die Stadt besser als du die Stadt kennst. Ich überlege welcher Schauplatz sich besser eignet. Es ist kalt, das schränkt die Möglichkeiten ein. Ich habe mehrere Requisiten gebracht, die ich normalerweise auch gebracht hätte. So wie du.
Du wählst den Ort des Ausstiegs, ich lasse mich darauf ein. Wir treten gerade erst auf. Ich weiß ja nichts über Theater, aber mir gefällt, dass du den Impuls setzt, so gibt es weniger Vorwissen für mich. Es ist eine Station, die ich kenne, wo ich Menschen kenne, die ich aber selten nutze. Den Ausgang habe ich das letzte Mal genommen, wo mich ein goldenes Auto aufs Land gebracht hat, wo ich in der Ausstellung auf einem Bett gelegen bin mit dir, um mir die Projektionen über uns anzuschauen. Zu dir hab ich gesagt, dass wir schon wieder miteinander im Bett gelandet sind, um mit einem schlechten Scherz der Situation die Schwere zu nehmen, die eigentlich eine Leichtigkeit war, die erst später zu einer Schwere werden sollte. Ich war damals noch jung genug für den Rabatt, du nicht. Heute bist du jung genug für den Preisnachlass. Du hast dich verändert, du bist ein anderes du.
Du gehst ohne dich umzudrehen, du gehst schnell. Du riskierst oder du vertraust, dass ich dir folge, dass ich dich nicht verliere, aus den Augen, aus dem Sinn. Erst nach der Treppe bleibst du stehen. Die Passierenden um uns herum wissen nicht um die Umstände, kennen nicht die Hintergründe. Vielleicht verstehen sie, vielleicht fühlen sie, dass etwas außerhalb des Gewöhnlichen ist. Wir setzen Schritte in der Kommunikation, die andere offene Türen einrennen als es die gesprochene Sprache für uns könnte. Die gesprochene Sprache, die wir für uns benutzen ist ein Vehikel. Ein Vehikel auf das ich von der einen Seite mein Gepäck und meinen Beitrag auflade und du von der anderen. Obendrauf vermischen sich unsere Stücke. Wie Socken in der Waschmaschine. Einmal gibst du, einmal gebe ich. Einmal hältst du hin, einmal ich. Einmal verlegst du ein Wort, einmal vergesse ich eines. Einmal verschütte ich das Wasser, einmal glaubst du, dass in mir Fische leben.
Du stehst mir den Rücken zugewandt, der Himmel ist graublau. Die Luft ist klar. Ich erzeuge absichtlich ein Geräusch durch den Schotter, der im Winter gestreut wird, um das Ausrutschen zu verhindern. Ich reibe die Kiesel zwischen meinen Schuhen und dem Asphalt, es ist ein Knirschen. Du rührst dich nicht. Unsicher, wie schnell sich das Ziel, das sich in meiner Vorstellung manifestiert, erreicht werden soll, forme ich meinen Ausdruck in einen solchen, der meine Absicht suggeriert und ich gestikuliere sogar entsprechend eindeutig. Du gehst nicht darauf ein, du antwortest aber mit einer komplementierenden Expression. Das ist holpriges Deutsch, aber du würdest dieses eher verstehen als das glatte. Auf mich zukommend zückst du dein Telefon, näher kommend steckst du mir dein Telefon zu, in die Jackentasche. Du nimmst die schallführenden Hörer aus deinen Ohren und legst sie in meine. Ich höre, was du gehört hast. Das Lied wechselst seinen Platz. Ich bin begeistert mit dieser Geste, sie ruft Geister hervor, die lange geschlafen haben.
Wir bewegen uns. Es gibt eine Wohnhausanlage, es gibt Büsche, die langsam Blätter hervortreiben. Wäre es Sommer, wäre es ein anderer Ort. Ich folge dir in unsicherer Distanz. Es gibt einen abgetrennten Spielplatz, die metallene niedere Tür quietscht, knallt gegen den Zaun, wenn sie geöffnet wird. Du lässt dich nieder. Ich sammle eine rote, rostende Batterie und Rindenmulche und arrangiere sie auf dem Grund zu einem Gruß aus dem Grund, dass mir die Worte fehlen und ich sie irgendwie etablieren möchte oder finde, dass eine einleitende Begrüßung angebracht wäre. Ich weiß nicht, ob du das auch findest. Unbeantwortet bleibt auch, ob du das zweibuchstabige Wort lesen wirst, gelesen hast; wo ich schon fortgeschritten war zu einer Art Durchgang, der an seinen Wänden Bilder auf Fliesen zeigt. Sie erinnern mich an die Brücke oder den Blauen Reiter oder wie sie alle heißen. Ich entsperre die Tasten, die ein Bildschirm sind. Ich nehme ein Bild vom Bild auf den Fliesen. In dem Moment, wo du zu mir aufschließt, zeige ich dir das Bild, halte es dir entgegen. Ich starte die Musik, platziere die Hörer über deinen Kopf auf dem meine Kappe sitzt. Wir tauschen für unsere Leben essenzielle Gegenstände, tauschen die Töne, die auf uns einwirken.
Wir bewegen uns fort, immer noch nicht in denselben Tempi, immer noch nicht nebeneinander. Wir erkunden und observieren, gehen spazieren. Ich öffne meine Augen viel weiter, erweitere meine Wahrnehmung viel mehr als ich das in meinem üblichen Habitus in dieser Landschaft täte. Ich entsperre nach ein wenig Probieren die Tasten, die ein Bildschirm sind. Der Meinung bin ich, dass das erste Bild, das ich mit dieser Kamera festhalten möchte, ein bewegtes sein soll und, dass es dich zeigt. So wie ich dich sehe, weggehend. Ich mache noch ein weiteres von den Pflanzen, die ein Ersatz sind für Palmen. Wenige Meter später bedauere ich, dass ich kein Kleingeld in der Tasche der Jacke trage. Ich überquere eine rote Ampel, kaufe süßes Gebäck, erhalte Kleingeld. Ich halte dir die Topfengolatsche entgegen, du beißt ab. Ich kehre um, zurück, platziere eine Münze in den Papierbecher, bereue es nicht
mehr. Es fängt an zu schneien, wir werfen uns einen Seitenblick zu. Wir gehen nebeneinander das erste Mal und schon viele Male davor. Du beschleunigst deinen Schritt, wir steigen hinab in den Untergrund. Wir steigen ein in die Bahn. Es liegt nicht an mir den Ausstieg zu wählen, aber ich nehme es an mich. Du folgst nicht sofort, aber du folgst. Ich mag, dass es nicht so einfach ist. Ich dirigiere, aber ich dirigiere ohne Druck. Wir passieren die Lemurenköpfe. Ich fotografiere die Enten, die am Flussufer des Baches sitzen. Es sind viele. Du interessierst dich mehr für die Blätter, die den Wegesrand säumen.
Ich erinnere Otto Wagner, ich beachte die Formen, betrachte dich aus der Entfernung. Ich erinnere eine Ausstellung, die im Kanal, im Tunnel stattgefunden hat. Ich sehe den Abstieg vor mir, der abgesperrt ist. Zwei Männer treten aus den Büschen hervor, ich frage mich, was sie dort gemacht haben. Es ist ein zurückgezogener Ort. Du folgst mir nach und kontaktierst mich das erste Mal direkt. Der Kontakt ist improvisiert. Ich nehme deine Hand und führe sie in die Tasche. Du ziehst sie bald zurück und findest Haut unter dem Stoff, die wärmer ist als die Fläche deiner Hand. Wir prominieren durch den Park der Stadt. Ich spüre deine Zunge, du spürst meine Zunge. Jugendliche hören laut Musik, wir hören beide laut unterschiedliche Musiken. Ein Baum wächst so tief waagrecht, dass ich seinen Ast, der sein Stamm ist, einfach erreichen kann. An großflächigen Rechteckigen in verschiedenen Farben vorbei in die nächste U-Bahn. Nach fünf Stufen machst du auf dem Absatz kehrt und nimmst fünf Stufen hinauf und wir nehmen die andere Richtung. Im Text mache ich künstliche Absätze, in Wirklichkeit fließt die Erzählung nach und in einem durch. Mir wird wieder bewusst wie ich viel mehr Kenntnis über den Ort habe an dem wir uns befinden, ich schiebe diese Kenntnis so weit wie möglich zurück in den hinteren Teil meines Kopfes. Wäre es wärmer, wäre es wirklich Frühling, hätte ich dir einen Platz gezeigt über den wir schon öfters gesprochen haben und über dessen Aussprache. Ist es nicht. Außerdem täusche ich mir vor, dass ich dieses Wissen nicht hätte, da wir uns ja nicht kennen.
Wir erreichen die Station an der vier Gleise nebeneinander liegen. Wir steigen hinauf an die Oberfläche. Ich nehme ein Bild mit, von den Gleisen, von den Mauern, von viel freier Luft. Du stehst in der Telefonzelle. Ich trete durch eine Bildnachricht mit dir in Kontakt. Du erhältst sie nicht. Gemeinsam lesen wir die Abfahrtszeiten der Buslinie. Dir sagt die Information weniger als mir. Trotz der Handschuhe frieren meine Finger. Wir sitzen nebeneinander, unsere Knie aneinander gedrückt. Eine vertraute Nähe. Eine Nähe, die Fremde nicht zueinander hätten. In der Kälte führe ich dich zum Markt. Ich sehe das erste Mal wie sie den Platz vor der Kirche verändert haben, die Wasserwelt. Es ist traurig, dass sie diesem Raum die Spezialität genommen haben, den er hatte und durch Charakterloses mit grünem Gummiboden ersetzt haben. Auf einer planerischen Ebene kann ich das verstehen, auf einer ästhetischen kann ich das verteufeln. Verteufeln würde uns wahrscheinlich auch Gott, wenn er kein Mythos wäre. Wir betreten das Kirchenschiff, es klingt die Orgel von oben wie eine Filmmusik, beeindruckend und allumfassend. Du reibst mir das Weihwasser in die Ohren, ich bin gesegnet. In einer kleinen Nische am Rand stehen Sessel für Kinder, diese Ecke ist chaotisch und unaufgeräumt, sie gefällt mir. Auch, dass einer der Priester polnisch spricht, mag ich, das verrät mir ein Schild.
Die Schwingtüren sind türkis, ich halte sie dir auf, das würde ich für einen Unbekannten anders machen. Die Rolle eröffnet mir Möglichkeiten, andere verschließt sie mir. Wir streifen durch den Markt, ich versuche durch deine Augen zu sehen. Ich überlege wegen des Hungers, der sich bemerkbar macht, pragmatisch, gebe dieser Regung aber nicht nach. Die Gemüse gefallen mir, ich rezepte, mit kleinem Anfangsbuchstaben als Verb. Du siehst die Schwammerl, ich sehe die Schwammerl. Du sagst oder fragst etwas, ich weiß nicht was, du verwendest keinen Mund dafür. Die nächste Tür halte ich dir auf. Und mit einem Mal ist der Bann gebrochen. Ich treffe durch Zufall auf jemandem. Ich versichere diesem, dass es normal ist in der Stadtlandschaft auf Menschen zu treffen und meine damit, dass er sich keinen Kopf machen soll deswegen. Diesen Kopf mache ich mir schon
genug. Draußen angekommen, nehmen wir die Straßenbahn. Ich versetze mich zurück in den Beginn und verführe dich zu meiner Ecke, halte dir den Haustorschlüssel hin. Es war eine schöne Idee, es war deine Idee und sie ist aufgegangen. Inmitten von Blättern sitzt du auf der kleinen Bank vor dem Fenster in meinem Haus und wir schauen uns lange an. Ich bin sofort aufgesprungen auf den Zug, zugestiegen in den vorletzten Waggon der U-Bahn.

Monday, 19 March 2018

Gefühle

Ich bin jetzt achtundzwanzig und habe vielleicht das erste Mal verstanden, was es bedeuten kann "auf sein Gefühl" zu hören. Die Zahl, das Alter ist hier keine Wertung oder Setzung, sie ist eine Notiz und ein Marker für mich. Das Gefühl von dem immer alle reden und das Bauchgefühl und das Gefühl im Bauch. Und wie anfällig für fehlerhafte Analysen und Kurzschlüsse das Gehirn ist, das menschliche, das verstehe ich auch immer mehr, im Ansatz, so wie halt Verstehen funktioniert. Und wie schnell es Dinge vergisst und Sachen verdrängt, wie schnell sich Denken und Verhalten ändern können; bis sich irgendetwas, irgendein Kleinhirn sich erinnert, was davor war und wie davor entschieden wurde und empfunden. Und wie daraufhin alles mit kleinen Änderungen und einem großen Rumsen ins alte Muster zurückfällt. Irgendwie drängt sich mir ein Bild von Zahnrädern und Riegeln, die ins Schloss gezogen werden, auf. Ich denke, dass meine Gefühlswelt öfters so funktioniert wie eine Plusminusliste und nicht wie ein Prisma von Farben in das ich mit der Pipette eintauchen kann, um zu bestimmen, was da gerade abgeht. Deswegen bin ich da so verkopft und hänge oft an etwas lange fest, weil ich mir denke, das muss doch, rein rational betrachtet müsste das doch
und dabei übersehe ich mehr als die Hälfte.
Circa so wie wenn ich sturzbetrunken die Augen zukneife und zielsicher und entschlossen auf einen abstrakten Punkt in der Ferne bzw. die Bar zusteuere und innerhalb kürzester Zeit das erste Adjektiv mit Bedeutung befülle, also brutal über ein Stuhlbein stolpere; so sashay ich zum drittletzten Bus im tropfenden Regen. Der warme Wind weht mir in den Rücken, es flattert mir sanft die heidelbeerfleckenfarbene Jacke um die Hüften. Ich mache hier aber den Unterschied zur darüber geschilderten Situation und gerate nicht aus dem Rhythmus und komme dem Boden nicht bedeutend und auch nicht schnell näher. Gespannt wie ein Pfitschipfeil bin ich, wann mir ein Ast auf den Kopf fallen wird oder
und dieser kleine Höhenflug vorbei 

Sunday, 11 March 2018

Eigentlich, sich erinnern

Es gab einen Moment, wo du einen ganz kurzen Absatz vorgelesen hast und alle ganz andächtig gelauscht und zugehört haben. Ich war mir inzwischen sicher, was deine Pronomina sind und der ganze Abend verlief insgesamt ziemlich angenehm. Du bist mittig gesessen und so haben sich dir die anderen zugewandt. Den Mittelteil von diesem Vortrag hab ich verpasst, aber der Anfang und das Ende haben großartig geklungen. Und, irgendwie, den ganzen Inhalt mitzubekommen, das wäre nur die Draufgabe gewesen auf die Szene, die sich vor meinen Augen abgespielt hat. Es klang so wie jemand, die geübt ist darin zu lesen und vor Menschen und es gewohnt ist in dieser Lage und in dieser Zunge

Es gab einen anderen Moment in der kleinen Küche mit den großen Fenstern auf meinem Lieblingshocker, wo wir über die Sprachen geredet haben und die Wörter. Und du plötzlich herausrückst mit deinen Gedanken über das Wort 'record' und dessen Etymologie und, dass es im Kern, der Kern das Herz ist. Und, dass sich nicht der Kopf erinnert, sondern das Herz. Und mir fallen in dem Augenblick die Abfolgen von Wörtern in den Kopf wie große Steine vom
Und die Schuppen von den
und das Einzige, was ich beitragen kann Kleines, das sind reflexive Verben und vielleicht den Weltrekord in sich etwas zu Herzen nehmen. Und die Wortfolgen jemandem wie etwa dir etwas ans Herz legen, das hat sich mir ans Herz gelegt und all diese Wortfolgen hat es gleich heraus geschüttet. Ich bin geschüttelt und gerührt. 

Monday, 26 February 2018

Raureif

Es ist die Jahreszeit der letzten, sterbenden Pelzkragenwitwen, die so lange die Wiener Stadtlandschaft und meine Bilder im Kopf von ihr und ihnen geprägt haben. Sie kramen mit dünnen Fingern ihren sibirischen Nerz aus dem Schrank und ihren Hut und ihre Handschuhe und ihren fast bodenlangen Wintermantel, hängen sich das tote Tier um die Schultern, knöpfen sich bis oben hin zu bevor sie das repräsentative Stiegenhaus verlassen und staksen durch den versalzenen Gatsch zum Billa Corso. Es trocknet dann nach wenigen Tagen alles aus und klirrt nur noch kalt, das Salz zieht weiße Konturen über die dunklen Ränder am Boden.
Es ist die Zeit, wo ich die Kältetelefonnummer eingespeichert haben sollte, aber zum Glück gibt es inzwischen Google, das schon vor mir weiß, wonach ich suchen möchte.
Es ist so unterkühlt, dass, wenn ich die Scheibe bei dem Häusl von der Bushaltestelle anhauche, mein Atem sofort einfriert und ich meine Worte anstatt sie auszusprechen genauso gut in die Schneeblumen ritzen könnte. Ich küsse dich lieber in Gedanken.
Die Tauben picken in der eingefrorenen Kotze am Straßenrand; es beruhigt mich irgendwie, was sie da machen und, dass ich das nicht riechen kann, weil die Kälte effektiv den Gestank killt. Mich beschleicht sogar das heran kriechende Gefühl, dass ich dadurch, dass ich meine Langzeitbeziehung beendet habe am übervergangenen Samstag, ich die Welt in ein klimatisches Chaos gestürzt habe, denn seit dem Schneeregen an besagtem Tag sinken die Temperaturen stetig weiter und erreichen vielleicht erst langsam den Tiefpunkt.
Und mein Kopf möchte Zusammenhänge sehen, wo gar keine sind. Und das Herz wünscht sich wahrscheinlich, dass seine Handlungen irgendwie mehr Effekt haben als einen unmittelbaren auf den kleinsten verdunstenden Umkreis.

Wednesday, 14 February 2018

Wenn wir tanzen,

fallen wir in den Schritt, den wir kennen. Wir kennen einige Schritte, vielleicht 44, davon nutzen wir effektiv vielleicht 22, wie die Kapazitäten von einem Gehirn, vielleicht auch nur 5 oder 6.
Wir stimmen ein
ander darin zu, dass die Schritte, die wir aufeinander zugegangen sind, nicht die Distanz, die zwischen uns liegt, überbrücken können. Und je weiter wir uns verbiegen, das zurück Schnalzen immer vehementer wird mit jedem Mal.