Monday, 26 February 2018

Raureif

Es ist die Jahreszeit der letzten, sterbenden Pelzkragenwitwen, die so lange die Wiener Stadtlandschaft und meine Bilder im Kopf von ihr und ihnen geprägt haben. Sie kramen mit dünnen Fingern ihren sibirischen Nerz aus dem Schrank und ihren Hut und ihre Handschuhe und ihren fast bodenlangen Wintermantel, hängen sich das tote Tier um die Schultern, knöpfen sich bis oben hin zu bevor sie das repräsentative Stiegenhaus verlassen und staksen durch den versalzenen Gatsch zum Billa Corso. Es trocknet dann nach wenigen Tagen alles aus und klirrt nur noch kalt, das Salz zieht weiße Konturen über die dunklen Ränder am Boden.
Es ist die Zeit, wo ich die Kältetelefonnummer eingespeichert haben sollte, aber zum Glück gibt es inzwischen Google, das schon vor mir weiß, wonach ich suchen möchte.
Es ist so unterkühlt, dass, wenn ich die Scheibe bei dem Häusl von der Bushaltestelle anhauche, mein Atem sofort einfriert und ich meine Worte anstatt sie auszusprechen genauso gut in die Schneeblumen ritzen könnte. Ich küsse dich lieber in Gedanken.
Die Tauben picken in der eingefrorenen Kotze am Straßenrand; es beruhigt mich irgendwie, was sie da machen und, dass ich das nicht riechen kann, weil die Kälte effektiv den Gestank killt. Mich beschleicht sogar das heran kriechende Gefühl, dass ich dadurch, dass ich meine Langzeitbeziehung beendet habe am übervergangenen Samstag, ich die Welt in ein klimatisches Chaos gestürzt habe, denn seit dem Schneeregen an besagtem Tag sinken die Temperaturen stetig weiter und erreichen vielleicht erst langsam den Tiefpunkt.
Und mein Kopf möchte Zusammenhänge sehen, wo gar keine sind. Und das Herz wünscht sich wahrscheinlich, dass seine Handlungen irgendwie mehr Effekt haben als einen unmittelbaren auf den kleinsten verdunstenden Umkreis.