Sunday, 25 March 2018

Ich sehe dich in einem anderen Leben

Es gibt nur ein minimales Skript. Ich nehme den vorletzten Waggon der U-Bahn. Du steigst vier Stationen später zu. Du nimmst die Tür, die am weitesten entfernt ist. Das ist nicht mehr Teil des Skripts. Dass du davor mit der Stoppuhr getaktest hast wie lange eine Haltestelle dauert, das schon. Wir finden Blickkontakt. Ich gebe vor dich nicht sofort gesehen zu haben und als ob ich den Blick umherstreifen lassen würde. Wir haben eine Rolle gefunden. Wir waren davor nervös, das erfahren wir erst danach. Wir sprechen nicht zueinander und wir sprechen nicht füreinander. Deine Augen sprechen für dich. Und deine Wimpern.
Du wählst einen freien Sitzplatz. Nicht den, der dir am nächsten war. Ich finde dein Gesicht wieder. Wir treffen uns immer wieder. Wir treffen uns schon seit Wochen immer wieder und wir treffen uns zum ersten Mal. Wir stehen für jemanden anderen und du vertrittst die Stelle von jemand anderem, kein Ersatz. Ich spiele eine Szene in meinem Kopf durch, die ich von anderer Stelle kenne. Ich spiele sie dir nachher vor, nachdem sich das alles abgespielt hat damit du auch weißt mit was ich gespielt habe mit welchem Wissen und wodurch sich mein Handeln informiert hat. Unsere Perspektiven überkreuzen sich, ich bin verschmitzt, du bist amüsiert. Es ist ein Anbandeln, so als gefielen wir einander, als spräche uns irgendetwas an, am anderen. Unsere Rollen überlagern sich vielleicht das zweite Mal mit unseren Rollen, die wir davor schon gelebt haben. Ich kenne die Stadt besser als du die Stadt kennst. Ich überlege welcher Schauplatz sich besser eignet. Es ist kalt, das schränkt die Möglichkeiten ein. Ich habe mehrere Requisiten gebracht, die ich normalerweise auch gebracht hätte. So wie du.
Du wählst den Ort des Ausstiegs, ich lasse mich darauf ein. Wir treten gerade erst auf. Ich weiß ja nichts über Theater, aber mir gefällt, dass du den Impuls setzt, so gibt es weniger Vorwissen für mich. Es ist eine Station, die ich kenne, wo ich Menschen kenne, die ich aber selten nutze. Den Ausgang habe ich das letzte Mal genommen, wo mich ein goldenes Auto aufs Land gebracht hat, wo ich in der Ausstellung auf einem Bett gelegen bin mit dir, um mir die Projektionen über uns anzuschauen. Zu dir hab ich gesagt, dass wir schon wieder miteinander im Bett gelandet sind, um mit einem schlechten Scherz der Situation die Schwere zu nehmen, die eigentlich eine Leichtigkeit war, die erst später zu einer Schwere werden sollte. Ich war damals noch jung genug für den Rabatt, du nicht. Heute bist du jung genug für den Preisnachlass. Du hast dich verändert, du bist ein anderes du.
Du gehst ohne dich umzudrehen, du gehst schnell. Du riskierst oder du vertraust, dass ich dir folge, dass ich dich nicht verliere, aus den Augen, aus dem Sinn. Erst nach der Treppe bleibst du stehen. Die Passierenden um uns herum wissen nicht um die Umstände, kennen nicht die Hintergründe. Vielleicht verstehen sie, vielleicht fühlen sie, dass etwas außerhalb des Gewöhnlichen ist. Wir setzen Schritte in der Kommunikation, die andere offene Türen einrennen als es die gesprochene Sprache für uns könnte. Die gesprochene Sprache, die wir für uns benutzen ist ein Vehikel. Ein Vehikel auf das ich von der einen Seite mein Gepäck und meinen Beitrag auflade und du von der anderen. Obendrauf vermischen sich unsere Stücke. Wie Socken in der Waschmaschine. Einmal gibst du, einmal gebe ich. Einmal hältst du hin, einmal ich. Einmal verlegst du ein Wort, einmal vergesse ich eines. Einmal verschütte ich das Wasser, einmal glaubst du, dass in mir Fische leben.
Du stehst mir den Rücken zugewandt, der Himmel ist graublau. Die Luft ist klar. Ich erzeuge absichtlich ein Geräusch durch den Schotter, der im Winter gestreut wird, um das Ausrutschen zu verhindern. Ich reibe die Kiesel zwischen meinen Schuhen und dem Asphalt, es ist ein Knirschen. Du rührst dich nicht. Unsicher, wie schnell sich das Ziel, das sich in meiner Vorstellung manifestiert, erreicht werden soll, forme ich meinen Ausdruck in einen solchen, der meine Absicht suggeriert und ich gestikuliere sogar entsprechend eindeutig. Du gehst nicht darauf ein, du antwortest aber mit einer komplementierenden Expression. Das ist holpriges Deutsch, aber du würdest dieses eher verstehen als das glatte. Auf mich zukommend zückst du dein Telefon, näher kommend steckst du mir dein Telefon zu, in die Jackentasche. Du nimmst die schallführenden Hörer aus deinen Ohren und legst sie in meine. Ich höre, was du gehört hast. Das Lied wechselst seinen Platz. Ich bin begeistert mit dieser Geste, sie ruft Geister hervor, die lange geschlafen haben.
Wir bewegen uns. Es gibt eine Wohnhausanlage, es gibt Büsche, die langsam Blätter hervortreiben. Wäre es Sommer, wäre es ein anderer Ort. Ich folge dir in unsicherer Distanz. Es gibt einen abgetrennten Spielplatz, die metallene niedere Tür quietscht, knallt gegen den Zaun, wenn sie geöffnet wird. Du lässt dich nieder. Ich sammle eine rote, rostende Batterie und Rindenmulche und arrangiere sie auf dem Grund zu einem Gruß aus dem Grund, dass mir die Worte fehlen und ich sie irgendwie etablieren möchte oder finde, dass eine einleitende Begrüßung angebracht wäre. Ich weiß nicht, ob du das auch findest. Unbeantwortet bleibt auch, ob du das zweibuchstabige Wort lesen wirst, gelesen hast; wo ich schon fortgeschritten war zu einer Art Durchgang, der an seinen Wänden Bilder auf Fliesen zeigt. Sie erinnern mich an die Brücke oder den Blauen Reiter oder wie sie alle heißen. Ich entsperre die Tasten, die ein Bildschirm sind. Ich nehme ein Bild vom Bild auf den Fliesen. In dem Moment, wo du zu mir aufschließt, zeige ich dir das Bild, halte es dir entgegen. Ich starte die Musik, platziere die Hörer über deinen Kopf auf dem meine Kappe sitzt. Wir tauschen für unsere Leben essenzielle Gegenstände, tauschen die Töne, die auf uns einwirken.
Wir bewegen uns fort, immer noch nicht in denselben Tempi, immer noch nicht nebeneinander. Wir erkunden und observieren, gehen spazieren. Ich öffne meine Augen viel weiter, erweitere meine Wahrnehmung viel mehr als ich das in meinem üblichen Habitus in dieser Landschaft täte. Ich entsperre nach ein wenig Probieren die Tasten, die ein Bildschirm sind. Der Meinung bin ich, dass das erste Bild, das ich mit dieser Kamera festhalten möchte, ein bewegtes sein soll und, dass es dich zeigt. So wie ich dich sehe, weggehend. Ich mache noch ein weiteres von den Pflanzen, die ein Ersatz sind für Palmen. Wenige Meter später bedauere ich, dass ich kein Kleingeld in der Tasche der Jacke trage. Ich überquere eine rote Ampel, kaufe süßes Gebäck, erhalte Kleingeld. Ich halte dir die Topfengolatsche entgegen, du beißt ab. Ich kehre um, zurück, platziere eine Münze in den Papierbecher, bereue es nicht
mehr. Es fängt an zu schneien, wir werfen uns einen Seitenblick zu. Wir gehen nebeneinander das erste Mal und schon viele Male davor. Du beschleunigst deinen Schritt, wir steigen hinab in den Untergrund. Wir steigen ein in die Bahn. Es liegt nicht an mir den Ausstieg zu wählen, aber ich nehme es an mich. Du folgst nicht sofort, aber du folgst. Ich mag, dass es nicht so einfach ist. Ich dirigiere, aber ich dirigiere ohne Druck. Wir passieren die Lemurenköpfe. Ich fotografiere die Enten, die am Flussufer des Baches sitzen. Es sind viele. Du interessierst dich mehr für die Blätter, die den Wegesrand säumen.
Ich erinnere Otto Wagner, ich beachte die Formen, betrachte dich aus der Entfernung. Ich erinnere eine Ausstellung, die im Kanal, im Tunnel stattgefunden hat. Ich sehe den Abstieg vor mir, der abgesperrt ist. Zwei Männer treten aus den Büschen hervor, ich frage mich, was sie dort gemacht haben. Es ist ein zurückgezogener Ort. Du folgst mir nach und kontaktierst mich das erste Mal direkt. Der Kontakt ist improvisiert. Ich nehme deine Hand und führe sie in die Tasche. Du ziehst sie bald zurück und findest Haut unter dem Stoff, die wärmer ist als die Fläche deiner Hand. Wir prominieren durch den Park der Stadt. Ich spüre deine Zunge, du spürst meine Zunge. Jugendliche hören laut Musik, wir hören beide laut unterschiedliche Musiken. Ein Baum wächst so tief waagrecht, dass ich seinen Ast, der sein Stamm ist, einfach erreichen kann. An großflächigen Rechteckigen in verschiedenen Farben vorbei in die nächste U-Bahn. Nach fünf Stufen machst du auf dem Absatz kehrt und nimmst fünf Stufen hinauf und wir nehmen die andere Richtung. Im Text mache ich künstliche Absätze, in Wirklichkeit fließt die Erzählung nach und in einem durch. Mir wird wieder bewusst wie ich viel mehr Kenntnis über den Ort habe an dem wir uns befinden, ich schiebe diese Kenntnis so weit wie möglich zurück in den hinteren Teil meines Kopfes. Wäre es wärmer, wäre es wirklich Frühling, hätte ich dir einen Platz gezeigt über den wir schon öfters gesprochen haben und über dessen Aussprache. Ist es nicht. Außerdem täusche ich mir vor, dass ich dieses Wissen nicht hätte, da wir uns ja nicht kennen.
Wir erreichen die Station an der vier Gleise nebeneinander liegen. Wir steigen hinauf an die Oberfläche. Ich nehme ein Bild mit, von den Gleisen, von den Mauern, von viel freier Luft. Du stehst in der Telefonzelle. Ich trete durch eine Bildnachricht mit dir in Kontakt. Du erhältst sie nicht. Gemeinsam lesen wir die Abfahrtszeiten der Buslinie. Dir sagt die Information weniger als mir. Trotz der Handschuhe frieren meine Finger. Wir sitzen nebeneinander, unsere Knie aneinander gedrückt. Eine vertraute Nähe. Eine Nähe, die Fremde nicht zueinander hätten. In der Kälte führe ich dich zum Markt. Ich sehe das erste Mal wie sie den Platz vor der Kirche verändert haben, die Wasserwelt. Es ist traurig, dass sie diesem Raum die Spezialität genommen haben, den er hatte und durch Charakterloses mit grünem Gummiboden ersetzt haben. Auf einer planerischen Ebene kann ich das verstehen, auf einer ästhetischen kann ich das verteufeln. Verteufeln würde uns wahrscheinlich auch Gott, wenn er kein Mythos wäre. Wir betreten das Kirchenschiff, es klingt die Orgel von oben wie eine Filmmusik, beeindruckend und allumfassend. Du reibst mir das Weihwasser in die Ohren, ich bin gesegnet. In einer kleinen Nische am Rand stehen Sessel für Kinder, diese Ecke ist chaotisch und unaufgeräumt, sie gefällt mir. Auch, dass einer der Priester polnisch spricht, mag ich, das verrät mir ein Schild.
Die Schwingtüren sind türkis, ich halte sie dir auf, das würde ich für einen Unbekannten anders machen. Die Rolle eröffnet mir Möglichkeiten, andere verschließt sie mir. Wir streifen durch den Markt, ich versuche durch deine Augen zu sehen. Ich überlege wegen des Hungers, der sich bemerkbar macht, pragmatisch, gebe dieser Regung aber nicht nach. Die Gemüse gefallen mir, ich rezepte, mit kleinem Anfangsbuchstaben als Verb. Du siehst die Schwammerl, ich sehe die Schwammerl. Du sagst oder fragst etwas, ich weiß nicht was, du verwendest keinen Mund dafür. Die nächste Tür halte ich dir auf. Und mit einem Mal ist der Bann gebrochen. Ich treffe durch Zufall auf jemandem. Ich versichere diesem, dass es normal ist in der Stadtlandschaft auf Menschen zu treffen und meine damit, dass er sich keinen Kopf machen soll deswegen. Diesen Kopf mache ich mir schon
genug. Draußen angekommen, nehmen wir die Straßenbahn. Ich versetze mich zurück in den Beginn und verführe dich zu meiner Ecke, halte dir den Haustorschlüssel hin. Es war eine schöne Idee, es war deine Idee und sie ist aufgegangen. Inmitten von Blättern sitzt du auf der kleinen Bank vor dem Fenster in meinem Haus und wir schauen uns lange an. Ich bin sofort aufgesprungen auf den Zug, zugestiegen in den vorletzten Waggon der U-Bahn.